Viele kleine Schritte: Was KI in der Energiebranche wirklich leistet

Zügig zieht das Wolkenband über die Stadt. Binnen weniger Minuten sackt die Einspeisung von Solarstrom um 40 Prozent ab. Ein engmaschiges Netz aus Sensoren misst die Abweichungen des Stromflusses, von Spannung und Frequenz im Stromnetz sowie vom Wetter sekundenschnell und liefert die Daten in Echtzeit an die Leitzentrale des Netzbetreibers. Die Reaktion folgt in Sekundenschnelle: Ein Gaskraftwerk fährt minimal hoch, der nahe gelegene Batteriespeicher liefert zusätzlichen Strom, und der Betrieb eines Windparks wird angepasst. So lässt sich die Frequenz im Stromnetz in ihrem engen, zulässigen Korridor um 50 Hertz halten.
Zugleich senkt eine große Kühlanlage im nahen Gewerbegebiet ihre Leistung für einige Minuten. Die Lastspitze flacht ab, das fragile Gleichgewicht aus Stromerzeugung und -bedarf ist gesichert. Bemerkt hat diese Vorgänge niemand. Kein Mensch war daran beteiligt. Einzig eine ausgefeilte KI-Anwendung hat ihre Aufgabe erfüllt – schnell, zuverlässig, effizient.
KI in kritischen Infrastrukturen ist eine Hochrisiko-Anwendung
Mit der Realität hat dieses Szenario nichts zu tun. Nur wer den KI-Propheten der IT-Branche oder von Beratungsfirmen glaubt, könnte derzeit zu dem Schluss kommen, dass diese Zukunftsvision zum Greifen nah liege.
„Doch die völlig autarke Steuerung eines Stromnetzes ist der heilige Gral der KI-Anwendungen im Energiesektor“,
sagt Benjamin Schäfer, Leiter des Fachgebiets für datengetriebene Analyse komplexer Systeme am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Keine KI arbeitet heute völlig fehlerfrei. So könnte eine falsche Entscheidung des Systems leicht zum Zusammenbruch eines Stromnetzes führen. Nachvollziehen und schnell beheben ließe sich der Fehler kaum. Denn KI-Systeme arbeiten oft intransparent wie eine Blackbox: Menschen können den Weg zu einer Entscheidung meist nicht nachvollziehen oder verstehen.
„Wenn wir KI für kritische Entscheidungen einsetzen wollen, muss eine gewisse Transparenz vorhanden sein“,
sagt Schäfer. Und es gibt ein weiteres Risiko: Kein IT-System ist vor Hackerangriffen völlig gefeit. Auch deshalb hat die EU in ihrer KI-Verordnung, dem sogenannten Artificial Intelligence Act, jeglichen KI-Einsatz in kritischen Infrastrukturen wie Stromnetzen als Hochrisiko-Anwendung eingestuft.
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