Fusions-Technik made in Niedersachsen - wozu?

Bauteile für künftige Fusionskraftwerke sollen zukünftig aus Niedersachsen kommen. Das haben das Münchner Unternehmen Proxima Fusion und das Bundesland mit einer Absichtserklärung vereinbart, wie es in einer gemeinsamen Mitteilung hieß. In Niedersachsen soll dazu sogenanntes Hochtemperatur-Supraleiter-Band (HTS-Band) gefertigt werden. Was hat es damit auf sich?
HTS-Band ist ein spezielles metallisches Material, dass in Elektromagneten für Fusionskraftwerke zum Einsatz kommt. Bei ausreichend hohen Temperaturen wird das Band supraleitend, kann also Strom praktisch ohne Energieverlust leiten. Damit ist es ein Baustein für besonders starke und kompakte Elektromagnete, die in sogenannten Stellaratoren zum Einsatz kommen. Die Stellaratoren erzeugen in Fusionsanlagen Magnetfelder, um extrem heißes Plasma zu kontrollieren.
Laut Proxima Fusion ist HTS daher eine Schlüsselkomponente für den Bau von Fusionsanlagen. Es ermögliche kompakte, leistungsstarke und vor allem kosteneffiziente Kraftwerke. HTS-Material könne zudem in leistungsfähigen Stromnetzen, modernen Medizin-Geräten oder fortschrittlichen Antrieben zum Einsatz kommen.
Fusionskraftwerke erzeugen theoretisch CO2-freie Energie durch das Verschmelzen von Atomkernen - wie in der Sonne. Kommerzielle Kraftwerke gibt es bisher jedoch nicht und dürften auch noch jahrelang Zukunftsmusik bleiben. Mit dem Wendelstein 7-X in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern verfügt Deutschland über eine weltweit bedeutende Testanlage. Für den kommerziellen Betrieb werden frühestmögliche Zeitrahmen von Ende der 2030er bis in die 2040er Jahre genannt. Kraftwerke mit Stellaratoren sind dabei nur eines von verschiedenen Modellen für Fusionsanlagen.
Was in Niedersachsen geplant ist
In Niedersachsen soll nun eine großindustrielle Produktion für HTS-Band entstehen. Dazu will Proxima Fusion mit mindestens einem weiteren niedersächsischen Unternehmen zusammenarbeiten. Das Unternehmen selbst ist eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik.
HTS-Band werde bisher vor allem in Asien im großen industriellen Maßstab hergestellt. Mit einer Produktion von fusionsgeeignetem Material in Niedersachsen würde «eine entscheidende Lücke in der europäischen Fusionslieferkette» geschlossen, teilte Proxima Fusion mit. Die Lieferkette von Stellaratoren werde so nahezu vollständig in Europa verortet und schaffe Unabhängigkeit.
Private und öffentliche Investitionen geplant
In zwei ersten Projektphasen sollen dazu bis Ende 2029 rund 140 Millionen Euro - je zur Hälfte private und öffentliche Gelder - investiert werden. Ein ähnlicher Finanzierungsansatz besteht auch zwischen Proxima Fusion und dem Land Bayern für den Bau eines Fusionsreaktors. Das Land Niedersachsen plant, 21 Millionen Euro beizutragen. Der Standort für die HTS-Band-Fabrik und die genaue Finanzierung sollen noch ausgelotet werden.
Das HTS-Band aus Niedersachsen soll unter anderem im geplanten Proxima-Fusion-Kraftwerk «Stellaris» zum Einsatz kommen. Stellaris soll in den 2030er-Jahren das weltweit erste kommerzielle Stellarator-Fusionskraftwerk werden. Perspektivisch sollen mit dem Material auch Stellaratoren in Serie gefertigt werden.
«Wir bauen Niedersachsen zum Vorreiter einer europäischen HTS-Produktion aus. Niedersachsen wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Magneten für eine neue Schlüsseltechnologie», sagte Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Proxima-Fusion-Chef und -Mitgründer Francesco Sciortino sagte: «Niedersachsen bringt die industrielle Basis, Energiekompetenz und politische Entschlossenheit mit, um eine Abhängigkeit in eine dauerhafte, strategische Stärke des Industriestandorts Deutschland und Europa umzuwandeln.»