Ein Stromausfall und die Folgen

In der Kleingartenkolonie «Zukunft» am Teltow-Kanal in Berlin-Lichterfelde ist es normalerweise still in der kalten Jahreszeit. Doch am 3. Januar verübten mutmaßliche Linksextremisten hier an einer Kanalbrücke mit wichtigen Kabeln einen Brandanschlag. Folge war Berlins längster Stromausfall in der Nachkriegszeit. 100.000 Menschen in 45.000 Haushalten im Südwesten der Stadt und 2.200 Gewerbebetriebe standen - bei Schnee und Eiseskälte - schlagartig ohne Strom da und in der Folge auch ohne Heizung, Internet und Telefon. Bei vielen floss der Strom erst nach mehr als vier Tagen wieder.
Einen Monat später ist Berlin immer noch mit der Aufarbeitung des Geschehens und des folgenden Hilfseinsatzes beschäftigt, an dem selbst die Bundeswehr beteiligt war. Nicht nur an der Kabelbrücke wird gearbeitet. An vielen Stellen muss die Normalität noch warten, die To-do-Listen vieler Beteiligter sind lang: Was steht jetzt an, welche Lehren müssen gezogen werden?
Beispiel 1: Heizung kaputt
Der Installateurbetrieb Roloff in Zehlendorf kann sich vor Aufträgen kaum retten, weil Gasheizungen oder Wärmepumpen vielfach Schaden nahmen. Leitungen froren ein. Sensible Anlagen gaben durch Stromschwankungen ihren Geist auf, weil Eigentümer vor Wiederanschluss an das Netz nicht die Sicherungen abstellten. Oder weil sie versuchten, die Heizungen unsachgemäß mit einem eilig beschafften Notstromaggregat wieder in Gang zu bringen.
«Die Schäden sind da», sagt Firmenchef Christian Roloff. Die Reparatur kann je nach Schadensbild Tausende oder Zehntausende Euro kosten. Und viel Zeit: Einen Monat, so schätzt er, wird es noch dauern, ehe sein siebenköpfiges Team alles abgearbeitet hat. Bis sie an der Reihe sind, behelfen sich Betroffene mit Heizlüftern, Ölradiatoren oder Kaminen.
Beispiel 2: Provisorium und Original
Mit Provisorien arbeitet aktuell auch die Stromnetz Berlin GmbH. Durch vorläufige Wiederherstellung der Versorgung über die Kabelbrücke am Teltow-Kanal und durch eine neue Verbindung zwischen zwei Umspannwerken war es gelungen, wieder allen Kunden stabil Strom zu liefern. «Jetzt arbeiten wir daran, den originalen Netzzustand wiederherzustellen», so Unternehmenssprecher Henrik Beuster. Das könne noch mehrere Monate dauern.
An der Kabelbrücke selbst müssen zunächst beschädigte Hochspannungs- und Mittelspannungsleitungen geborgen werden. Wie es dann weitergeht, ist offen. Womöglich wird an anderer Stelle eine neue Stromtrasse gebaut. Offen bleibt laut Beuster auch, was die vollständige Wiederherstellung des Netzes kostet.
Beispiel 3: Die Sache mit den Anschlüssen
Im Heinrich- und Margarete-Grüber-Haus am Teltower Damm in Zehlendorf leben 70 pflegebedürftige Senioren, viele haben Demenz. «Wir sind gut durch die Stromkrise gekommen, mussten nicht evakuieren, wollen aber aus den Geschehnissen auch lernen», sagt der Geschäftsführer Pflege der Stiftung Evangelisches Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin, Michael Blümchen.
Nach dem Blackout fielen Heizung und Abwasserpumpe aus, im Keller sammelte sich Wasser. «Wir konnten schnell Notstromaggregate beschaffen, wollten die Anlagen wieder hochfahren», schildert er. «Problem war nur. Die Anschlüsse der beiden Anlagen passten nicht, zum Anschluss wäre ein Elektriker nötig gewesen. Und kriegen Sie den mal in so einer Lage.» Oft sind es kleine Details, die plötzlich wichtig werden. Heizung und Pumpe sollen nun so schnell wie möglich passende Anschlüsse bekommen.
Beispiel 4: Politische Hausaufgaben
Insgesamt, so hört man aus Behörden, Hilfsorganisationen oder von Betroffenen, hat das Krisenmanagement nach dem Blackout einigermaßen funktioniert. Notunterkünfte, Anlaufpunkte zum Aufwärmen, zum Aufladen von Handys, zur Information oder Verpflegung der Menschen entstanden schnell. Dennoch will auch der Berliner Senat Lehren aus der Stromkrise ziehen.
«Diese Großschadenslage hat deutlich gemacht, dass sich Bedrohungslagen verändert haben und die kritischen Infrastrukturen besser geschützt werden müssen», sagt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Kurzfristig helfen sollen etwa Videokameras und Wachschutz an neuralgischen Punkten des 35.000 Kilometer umfassenden Berliner Stromnetzes.
Für den Katastrophenschutz will der Senat die Stadt und ihre zwölf Bezirke besser aufstellen. Zu den Vorschlägen zählen ein zentraler Krisenstab, besserer Informationsfluss zwischen Beteiligten, mehr Absicherung für das Handynetz. Geplant sind mehr Geld, Personal und Geräte für den Katastrophenschutz in den Bezirken. Wie lange die Umsetzung dauert, ist offen. Viele mahnen zur Eile. «Wenn wir jetzt nicht aus den Geschehnissen lernen, wann dann?», sagt der Vize-Bürgermeister des betroffenen Bezirks Steglitz-Zehlendorf, Tim Richter (CDU).
Beispiel 5: Was lerne ich daraus?
Immer erreichbar und am Puls der Zeit via Smartphone, Social Media, Home-Office, Internet-Banking, KI: Beim Stromausfall war all das passé und zeigte, wie hilflos wir alle in solchen Fällen sind. Auch Festnetztelefon, Herd, Kühlschrank oder elektrische Jalousien funktionierten tagelang nicht. Bei etlichen Menschen dürfte nun angekommen sein, wozu das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schon lange mahnt: Jeder kann vorsorgen und Vorräte anlegen.
Haltbares oder schon fertig gekochtes Essen kann bei Stromausfall hilfreich sein und ein Getränkevorrat. Ein Ölradiator oder Campingkocher sind auch nicht verkehrt, dazu Batterien oder gefüllte Powerbanks. Mittels eines batteriebetriebenen Kofferradios kann man auf analoge Weise Informationen bekommen, wenn Internet und Handy nicht mehr funktionieren.
Beispiel 6: Die Psychologie der Krise
In Metropolen sind Menschen oft gerne für sich, machen ihr eigenes Ding, nabeln sich ab, sagt Peter Walschburger, emeritierter Psychologie-Professor an der Freien Universität Berlin. Diese «Großstadtatmosphäre» sei in Berlin besonders ausgeprägt. In der Stromkrise habe sich das Bild schnell gewandelt. «Es bildeten sich soziale Netzwerke, die eine wichtige Wirkung hatten, die funktionierten, weil sie auf Vertrauen aufgebaut waren.» Was der Experte meint: Menschen boten eine Unterkunft an, Kirchengemeinden oder Sportvereine Essen oder die Möglichkeit zum Aufwärmen, Nachbarn gaben aufeinander acht.
Kann man diesen Zusammenhalt nicht bewahren? Walschburger ist skeptisch. «Leider verpufft das schnell wieder», fürchtet er. «Wenn die Notwendigkeit wegfällt, droht schnell der Rückfall in alte Muster.» Dabei könne man das trainieren. «Es fängt schon damit an, andere Menschen einfach mal zu grüßen.»